Einleitung: Stefan liest
Nicht jede Lesung, nicht jede musikalische Interpretation eines mittelhochdeutschen Gedichts, die sich auf YouTube finden lässt, genügt wissenschaftlichen germanistischen Ansprüchen, aber wenn es nur darum geht, einmal einen Eindruck vom Klang der mittelhochdeutschen Sprache zu erhalten, dann wird man dort schnell fündig. Wer allerdings auf das Hören als Ersatz für das Sehen angewiesen ist, oder einfach nur den Wunsch verspürt, einen längeren mittelhochdeutschen Text anzuhören, anstatt ihn zu lesen, wird nicht nur auf den einschlägigen Plattformen vergeblich nach „Material“ suchen.
Das im folgenden Artikel vorgestellte Projekt versucht ein wenig Abhilfe zu schaffen. Es soll selbstverständlich nicht darum gehen, Hilfestellung bei der Einrichtung eines eigenen Tonstudios oder bei der Aufnahme eigener Lesungen zu geben. Nein, wir beabsichtigen, unseren Computer dazu zu bringen, uns einen mittelhochdeutschen Text vorzulesen und zwar so, dass wir ihn gut verstehen und seine Aussprache auch Fachleuten für das Mittelhochdeutsche keine Schmerzen verursacht. Die Ausgabe leiten wir dann in eine Audio-Datei, damit wir unser Hörbuch auf jedem uns genehmen Gerät abspielen können.
Das scheint auf den ersten Blick gar nicht so schwer zu bewerkstelligen: Schließlich lässt sich jedes Handy und jeder übliche Browser dazu bewegen, Texte vorzulesen. Dazu muss man allerdings teilweise eine zusätzliche App oder ein Add-On installieren. Das Betriebssystem eines Laptop- oder Desktop-Computer lässt sich natürlich ebenfalls um die Fähigkeit zur Sprachsynthese erweitern, wenn es diese nicht bereits von Haus aus mitbringt. Wer diesen Text beispielsweise auf einem Windows Rechner vor sich sieht, muss nur die Strg-, die Windows– und die Enter-Taste gemeinsam betätigen, um die automatische Sprachausgabe zu aktivieren. Die auf meinem Rechner zu hörende Stimme von Windows10-Stefan klingt zwar manchmal etwas blechern, aber doch im Ganzen gut verständlich:
Ein ritter sô gelêret was,
daz er an den buochen las,
swaz er dar an geschriben vant:
der was Hartman genant,
dienstman was er zOuwe.
Nun ja, ein paar Worte hören sich etwas exotisch an – ab und zu scheint Stefan bei fremdartigen Schreibungen zu vermuten, dass sie wohl englisch ausgesprochen werden müssen. Andere Wörter hingegen klingen viel zu vertraut. Kein Wunder! Stefan spricht und liest modernes Hochdeutsch und ahnt ja nicht, dass er in „dienstman“ einen Diphthong von sich geben soll. Probieren wir es gleich mit einem anderen Text als dem Armen Heinrich (Natürlich erkannt, oder?). Wie wäre es beispielsweise mit der Einleitung des Lanzelet des Ulrich von Zatzikhoven, eines ungefähren Zeitgenossen des gelehrten Ritters Hartmann von Aue?
Swer rehtiu wort gemerken kan,
der gedenke wie ein wîse man
hie vor bî alten zîten sprach,
dem sît diu welt der volge jach.
Das … klingt, zumindest von Stefan gelesen, schon weit weniger akzeptabel für mich. Jemand müsste Stefan ein paar Lektionen in der Aussprache mittelhochdeutscher Worte erteilen, bevor ich bereit wäre mir von ihm die fast 9500 Verse der an sich recht spannenden (und actionreichen!) Erzählung vom Artushof vorlesen zu lassen.
Dieser Gedanke soll der Ausgangspunkt für das heutige Projekt sein. Es gibt neben kommerziellen Angeboten zahlreiche Open-Source-Ansätze zur Spracherzeugung und -ausgabe, die Schnittstellen zur individuellen Anpassung und Programmierung bieten. Aber wir bleiben vorerst in der Microsoft-Umgebung und werden unsere Lösung in C# im Visual-Studio umsetzen. Größere Programmierkenntnisse brauchen wir dafür nicht und das ist der Hauptgrund für unsere Wahl. Zudem können wir uns in diesem Fall darauf verlassen, dass die Technologie stabil und fehlerfrei auf allen Rechnern läuft, auf denen Windows stabil und fehlerfr … Naja … auf denen halt …
Wer noch nie mit Visual-Studio oder C# gearbeitet hat, findet bei Verständnisfragen in reichem Maße Hilfe auf den Supportseiten von Microsoft. Dort kann er auch die (für private Zwecke) kostenlose Community-Version der Entwicklungsumgebung herunterladen:
Zum Download von Visual-Studio 2017
Als Übungstext verwenden wir nicht den gesamten Lanzelet-Roman, sondern beschränken uns vorerst bescheiden auf die ersten 49 Zeilen, die wir per copy & paste der Textfassung der Bibliotheca Augustana entnommen haben:
In Windows 10 per Rechtsklick das Kontextmenü öffnen und „Ziel speichern“ wählen, um den Text auf den eigenen Computer herunter zu laden und dort zu speichern. Jetzt ist alles vorbereitet. Wir können loslegen …
… und zwar im Teil 2.
Wer allerdings jetzt schon wissen will, was auf ihn zukommen wird, kann jetzt auch erst einen Blick auf den Tutorial-Überblick werfen:
Mein erstes mittelhochdeutsches Hörbuch – Teil 1 weiterlesen
